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Istanbul – Nice to meet you

Bevor es Anfang April mit unserer Reise nach Istanbul losging, las ich viel über die Stadt am Bosporus und stieß dabei immer wieder auf die Betonung von Orient und Okzident, Europa und Asiens, des Christentums und des Islams. Istanbul, die Stadt mit den vielen Namen und den vielen Gesichtern, mit der reichhaltigen Geschichte und seit Jahrhunderten Schmelztiegel vieler Kulturen, übte einen faszinierenden Reiz auf mich aus. Da Istanbul auch mein erster Besuch in der Türkei war, war ich sehr auf Land und Leute gespannt.

Tatsächlich wurde mir erst vor Ort klar, wie facettenreich die Stadt wirklich ist. Mit der Lebendigkeit der Stadt zum Beispiel hatte ich nicht gerechnet. In Istanbul leben lt. Wikipedia knapp 14 Millionen Menschen, höchstwahrscheinlich noch viel mehr  – und das spürt man. Ob beim Weggehen, beim Einkaufen, in Cafés und Restaurants, auf der Fähre oder im Park – die Stadt pulsiert.

Und nirgendwo anders sind mir die Unterschiede zwischen arm und reich stärker aufgefallen als hier. Während sich auf der Istiklal Caddesi ein Markengeschäft neben dem anderen reiht, man Frauen und Männer topgestylt und mit vielen Shoppingtüten und iPhones  in der Hand die breite Einkaufspromenade entlang schlendern sieht, stehen eine Straßenecke weiter ein alter Mann, der Taschentücher verkauft, eine alte Frau, die selbstgestickte Bänder an den Mann zu bringen versucht und ein junger Mann in Fetzen und ohne Schuhe, der in einem Hauseingang schläft. Während in den teuren Clubs und Restaurants in Ortaköy und Nisantasi die Leute feiern und es sich gut gehen lassen, lebt woanders eine vierköpfige Familie von 200 EUR im Monat. Istanbul ist nun einmal die Stadt der Gegensätze, mögen manche sagen, aber leider sind diese oft auch traurig und unfair.

In der Riesenmetropole wird einem erst bewußt, wie gut man es hat, in Deutschland, in Österreich, im wohlgeordneten Westeuropa, wo alle einen Anspruch auf eine Wohnung, auf Geld vom Staat, auf eine Krankenversicherung, auf ein eingermaßen gesundes und standardisiertes Leben haben.
Nicht aus dem Kopf gingen mir die vielen alten Menschen,  die trotz ihren hohen Alters und einer gewissen Gebrechlichkeit versuchen, Geld am Straßenrand zu verdienen, sei es, um Stofftiere zu verkaufen, gefälschte Sonnenbrillen, bunte Bänder, Tücher, Sesamkringel, gekochte Maiskolben, Baumarkt-Waren oder bunte, lärmende Spielzeuge. Manch einer, wie oben kurz erwähnt, hat nicht einmal das, und verkauft stattdessen lose Taschentuch-Packungen für 30 Cent das Stück.

Die Architektur der Stadt ist ebenfalls erwähnenswert. Es gibt viele wunderschöne Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, prachtvoll und mit toller Lage. Allerdings gibt es auch sehr viele Gebäude, die ich nur als abgefuckt benennen kann, Häuser, die aussehen, als stünden sie kurz vor dem Einsturz. Fehlende Treppenstufen, kaputte oder alte, nie erneuerte Hausfassaden, Hinterhäuser, die man nur über steile Treppen ohne Geländer erreicht, komplette Straßenzüge ohne einen gemeinsamen architektonischen Nenner, grottenhässliche 60er Jahre Gebäude, die auch in der UdSSR hätten erbaut werden können, aus grauem, kaltem Beton, prägen das Stadtbild ebenso wie die gepflegten Häuser mit den verspielten französichen Balkonen und den Dachterrassen.

Der Verkehr in der Stadt ist übrigens eine Liga für sich. Bevor wir in Istanbul eintrafen, hatten wir mit dem Gedanken gespielt, einen Wagen zu mieten. Bereits wenige Stunden nach Ankunft verwarfen wir diese Idee – Istanbuler Autofahrer halten sich an wenige Verkehrsregeln und die Hupe kommt in der Wichtigkeit direkt nach dem Motor. Überall wird gehupt, was das Zeug hält. Taxifahrer hupen z.B. auch, wenn sie anfragen wollen, ob jemand mitgenommen werden möchte. Als angenehmstes Verkehrsmittel empfand ich die Fähren, die z.B. von Eminönü nach Üsküdar fahren. Möchte jemand die Kontinente wechseln, so sind die Fähren sehr zu empfehlen, denn mit dem Auto steht man über den Brücken oft im Stau.
Pro Fahrt nur 70 Cent (überdies sind die gesamten Verkehrsmittel in Istanbul erstaunlich günstig), ist die Fahrt über das Meer gerade im Frühling wunderbar und viel zu kurz. Gerade mal 10 Minuten dauert die Überfahrt von einem Kontinent auf den anderen.
Wer den Wind und das Meer länger geniessen möchte, sei die Fahrt ans Schwarze Meer ans Herz gelegt. Jeden Tag um 10.30h startet von Eminönü aus eine Fähre, die in 5h bis hoch ans Schwarze Meer und wieder zurück fährt und kurze Zwischenstopps einlegt.

In keiner anderen Metropole habe ich so viele Katzen wie hier gesehen. Laut einer alten Legende war der Prophet Mohammed ein Katzenfreund und hat, als eine Katze einmal auf seinem Gewand schlief, um die Katze nicht zu wecken, ein Stück aus seinem Rock herausgeschnitten. Ob dies nun stimmen mag oder nicht, in Istanbul gibt es sehr, sehr viele Straßenkatzen. Viele werden gefüttert, viele gestreichelt, keine, die ich gesehen habe (und zu meiner Freude habe ich viele gesehen), sah unterernährt oder krank aus.
Wer eine Katzenallergie hat, sollte damit rechnen, desöfteren, gerade abends, wenn man draußen in den Restaurants sitzt, Besuch von den haarigen Fellknäueln zu bekommen. Aber keine Sorge, trotz „Straßenkatzendaseins“ sind sie wohlerzogen und freuen sich über jeden Happen, den man mit ihnen teilt. Zum Leidwesen meines Freundes ist mein und auch sein Hauptgericht an die Katzen gegangen. 🙂

Das Essen in Istanbul ist toll. Man kann sehr günstig aber auch sehr gediegen und teuer essen gehen. Wir haben beides ausprobiert, ich bevorzuge die einfache, aber dafür authentische türkische Küche. Wer Istanbuler Lebensgefühl tanken möchte, sollte sich abends draußen in ein gut besuchtes Restaurant setzen und sein Essen über mehrere Stunden geniessen.
Mein Tipp: auf die fleischhaltigen Hauptgänge verzichten und stattdessen von den vielen abwechslungsreichen leckeren Vorspeisen probieren, die auf großen Tabletts an den Tisch gebracht werden und die man sich so aussuchen kann.  Als süßen Abschluß, auch wenn man noch so satt ist, kann ich die türkischen Desserts sehr empfehlen.
Wie oben erwähnt, gibt es auch sehr viele Straßenhändler, die z.B. gekochte oder gegrillte Maiskolben (sehr lecker!) verkaufen, heisse Maroni, Sesamkringel, Popcorn,  Böreks oder gefüllte Köfte.

Sehenswürdigkeiten gibt es viele, zu viele, als dass ich sie aufzählen könnte. Interessant ist z.B. die alte Wasserzitadelle in Sultanahment, die auch einem James Bond Film als Kulisse diente, die vielen riesigen Moscheen, in denen die Frauen sich allerdings Tücher überziehen müssen, Dolmabahce, die alte Atatürk-Residenz, der kleine Markt sonntags um die Ortaköy-Moschee am Bosporus herum, wo für alle Besucher eine Kumpir-Kartoffel oder ein Gözleme ein Must-have ist, der Fischmarkt in Beyoglu, die vielen Basare, das Istanbul Museum of Modern Art…
Noch ein Tipp – wohin ihr auch mit dem Taxi fahrt, gebt dem Fahrer immer ein konkretes Ziel an. „In irgendein Restaurant, wo man einen schönen Blick hat“ ist recht vage und kann einen, wenn man Pech hat, in ein 30km von Istanbul entferntes kleines Fischerdorf führen.

Die sechs Tage Istanbul haben bei weitem nicht gereicht, um die Stadt wirklich zu entdecken. Wir haben viele Eindrücke mitgenommen, manche schön, manche negativ, viele mit Staunen und Lachen, manche voller Bewunderung und doch nur Bruchteile einer Millionen-Metropole gesehen.

Ob es sich lohnt, wiederzukommen? Noch einmal am Bosporus sitzen, auf´s Meer schauen, Sehenswürdigkeiten bestaunen, Katzen streicheln, shoppen gehen, den Wind und die Sonne auf der Fähre geniessen,  gefrorenen Joghurt essen, andere Kumpir-Variatonen wählen, über Eminönü phantasievolle Geschichten erfinden, kurz – Istanbul entdecken.  Ja, auf jeden Fall.

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